
Das Buch hinter den Etagen
Geschrieben am 25.05.2026
Die wehenden Zweige spiegeln sich im glasklaren Glanz der Türe, da sie wie verwehende Gedanken im wolkenlosen Himmel schwanken. Ihr Schimmern scheint in unscheinbaren Spiegelungen den Schatten zu dimmen, fast wie ein hauchzarter Lichtschein, der sich wie eine Umarmung um die Furcht legt, bevor sie im erhellenden Licht vergeht. Sie tanzen mit dem Wind, als ob sie in größten Höhen zu Hause sind. Als die Schwünge ihrer Arme durch die Türschranke schreiten, kann ruhend verweilendes Glas in lange ersehnten Schwebewellen die Türe zur Bibliothek öffnen und zugleich verborgene Welten als reiner Gedanke unverstellt entfalten. Lichtstrahlen scheinen durch den leicht geöffneten Fensterladen und umschmeicheln die Holzwindungen des alten Holzbodens. Dabei wirken die Staubkörner, die weite Teile der Bücherregale bedecken, schwebend leicht, sodass einige in die Lichtstrahlen entweichen und scheinbar schwebend durch den Raum gleiten.
Sie durchziehen die Luft, als könne jedes von ihnen das vergessene Schweigen verstaubter Bücher hinfortwehen, ohne in die Tiefen der Buchseiten zu verstehen. Die Schritte schreiten in gedankenverschlungenen Blicken durch den hohen Raum und verweilen dennoch nicht in den Weiten der Bücherreihen. Sie berührt ein stummes Beobachten des Augenblicks, als würde jede Bewegung sprintender Gedanken mehr Gewicht verleihen und zugleich unwiderruflich nach Aufmerksamkeit greifen. Wenn Gefühle im Nebel der Wahrnehmung schweigen, glänzen sie matt und glanzlos in den Tiefen des Verborgenen, auch dann, wenn der Schatten des Vergessens scheinbar längst gewann. Die Eingangshalle erstrahlt in heller Leere, die sich über die längst vergessene innere Schwere alter Wunden legt, während sie sich weiter im Raum fortbewegt. Ihre Blicke richten sich in die weit nach oben rankenden Etagen, auf denen unzählbar viele Bücher auf sie warten. Der Eingang wirkt ganz ohne Bücher kahl und eintönig schlicht, da überzieht Hoffnungslosigkeit plötzlich auch ihr leicht nach unten gesenktes Gesicht. Keine Treppe ist zu erspähen, doch ihre Schritte können die Suche nicht beenden, da ihre Kräfte noch immer nicht schwinden. Suchend schwenkt ihr Körper durch die hauchdünnen Staubkörner hindurch, fast wie ein Bruch des schwerelosen Fluges, der zugleich ein Ankommen nach einer weiten Reise sucht. Sie möchte die oberen Etagen betreten und hastet in Richtungswechseln nach einem noch verborgenen Weg, dessen Wahrheit erst der Mut des Ergreifens wählt.
Durchdringende Gedanken ziehen ihre schwindende Hoffnung zu einem fast verborgenen Ort, der am Rand vom Raum verweilt und im gedimmten Licht nicht nach der Aufmerksamkeit greift. Die Wand ist von einem Edelstahlkleid bedeckt, nur ein langer Schlitz erinnert daran, dass sich hinter der grau glänzenden Wand etwas verbergen kann. Er ist unscheinbar und kann doch etwas kaum Tastbares enthüllen, da sich verborgen hinter kalten Edelstahltüren stillschweigend ihr Wunsch, die Bücher zu berühren, doch noch erfüllt. Sie hat den Aufzug im hektischen Augenrollen viele zerrinnende Minuten lang übersehen, aber kann nun in leichtfüßigen Schwüngen hinübergehen.
Als sie den Knopf zum Öffnen vom Aufzug drückt, lächelt ihr Mund zufrieden den kalten Edelstahl an, als wolle er sagen: „Selbst die Kälte der Leere kann einen Bruch überwinden, um den Weg in die Nähe der Wünsche zu finden". Es öffnet sich ein beengter Raum, der zeigt, was hinter dem Edelstahlkleid viele Jahre lang verweilte Verborgen durch die engen Aufzugswände kann sie sich kaum bewegen, sondern muss an Ort und Stelle stehen. Irritiert wandern ihre Blicke entlang der kalten grauen Edelstahlfassade, denn sie kann keine Knopfleiste sehen, dabei möchte sie in umherwippender Vorfreude endlich das gewünschte Stockwerk wählen. Sie kann nichts als kalte graue Flächen sehen, deren Eintönigkeit in verkannter Schlichtheit nach verborgener Aufmerksamkeit schreit, doch sie kann die kleinen Wölbungen der Edelstahlfläche nicht als Höhen und Tiefen verstehen, sondern möchte lieber wieder aus dem Raum gehen. Ein paar Sekunden liegen zwischen diesen zwei Etagen, die wie zwei verschieden geformte Welten auf ihre Ankunft warten. Nun ist die ersehnte Etage so greifbar nah und doch ist sie noch nicht da. Sie kann das hölzerne Geländer vom Aufzug aus betrachten und wehmütig hinübersehen, doch zugleich legt sich über den greifbaren Weg ein Dunst, in dessen Undurchdringlichkeit ein Hoffnungsschimmer verborgen verweilt. Sie ist kurz davor, alles aufzugeben, nachdem sich ihre Träume sehnen, und doch kann sie ihre weiteren Schritte selbst wählen. Zugleich ist zu viel Zeit vergangen, um noch daran zu glauben, ohne dass die stillen grauen Oberflächen ihr den letzten Glauben daran rauben. Seit unzähligen verstrichenen Minuten flüstern ihre Lippen die ersten Worte, die niemand hören kann, denn sie hält sich in ihren Wünschen selbst gefangen:
“Oh, tiefe Wünsche Bitte lasst mich weitergehen, ohne weiter nach schleichhaften Wegen zu sehen, die meine Füße dann doch nicht gehen. Lasst mich frei, denn dieses Suchen wiegt schwerer als Blei.”
Sie versinkt gedanklich in ihren emotionalen Worten, als ein starker Ruck die versunkenen Blicke durchbricht und ein einst schwebender Gedanke in starker Unruhe ausbricht. Die Türen haben sich längst geschlossen, doch sie hat es nicht gesehen, kann die Richtung der Bewegung nicht vorhersehen. Schlagartig zucken ihre Schultern hin und her, denn sie versteht die Bewegung nach oben nicht mehr. Sie sieht die Knöpfe zum Drücken der Etage noch immer nicht woher kommt nur die Bewegung nach oben, wenn im Aufzug selbst kein lebendiger Wille wohnt. Die Zeit vergeht schneller als jeder hinfortfliegende Gedanke, der die Schwelle der Möglichkeiten überschreitet und dennoch nicht von ihrer Seite weicht. Zerrende Unsicherheit hält ihre lauter rufende Angst fest, dabei bemerkt sie nicht, wie die Freiheit leise. Die Türen öffnen sich, während sie gefangen in zitternder Stille verharrt und zugleich die Bewegung selbst wie eingefroren erstarrt. Der Zeiger der Uhr dreht sich, doch sie realisiert nicht, wo sie mit lautlosem Atem verweilt, während Eis sich wie festgefroren am kalten Edelstahl verteilt. Selbst hauchzarte Staubkörner scheinen stillzustehen, anstatt wie einst schwebend leicht durch den Raum zu schreiten und in die Weiten der Bücherregale zu gleiten. Der Blick auf den hellbraunen Holzboden weckt sie aus der Starre, als wolle er sie mit der Wärme schimmernder Holztöne umschließen, damit das innere Eis beginnt zu zerfließen. Zögerlich betritt sie den lichtdurchfluteten Raum. Dabei betrachtet sie mit weit aufgerissenen Augen helle Sonnenstrahlen, die Schattenmuster auf dem hellen Holzboden malen. Sie betritt den kunstvoll vom Licht geformten Boden, der in unvertrauter Nähe glänzt, während zugleich Anspannung vergeht und eine ungeahnte Leichtigkeit den Weg nach außen wählt. Sie kennt den Weg, den sie gerade geht, noch nicht, da jedes der vielen Bücher eine eigene Welt in sich trägt, sie jedoch erst im leisen Geräusch blätternder Seiten leise verrät. An diesem Ort wollte sie nicht sein, ungebremste Wut durchzieht ihr Gesicht, da sie die Sehnsucht nach einem bestimmten Buch einfach nicht vergisst. Das Buch ruht nur an einem ganz bestimmten Ort, der greifbar nah scheint und doch erneut im Nebel der Möglichkeiten verfing.
Text © Deep-feeling / www.deep-feeling.de
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Texte von Louisa Gutsmann
Bild: Adobe Firefly
