
Das Prisma flüssiger Sterne
Geschrieben am 06.09.2026
Ich hasse es, zurückzusehen, und möchte doch nicht nach vorne gehen. Meine Wehmut möchte verweilen, ohne zu bleiben, nur um weiter durch die dunkle Nacht zu eilen. Mein Gleichgewicht suche ich im orangefarbenen Laternenlicht, dabei berührt mich das Gewicht des leeren Zwielichts. Wo ist die Vergänglichkeit hin, wenn die Sterne bei Nacht immer dieselben sind? “Ich brauche mich nicht”, schreit die Zerrissenheit in die Nacht, dabei leuchten die Sterne hoch oben nur noch ganz schwach.
Die Gefühle schweben im Sternenlicht, beinahe sorglos, und doch treiben sie hinfort, an einen mir unbekannten Ort. Sie sind gefangen in der Weite, dort, wo Leere die Fülle an Möglichkeiten befreite. Ohne Furcht sehnen sich meine Beine nach dem kalten Boden, als wollten sie mich fürs Verweilen im Niemandsland belohnen. Verlorenes Leuchten wiegt nicht so schwer wie Blei, aber ruht auch nicht im stillen Aufschrei. Die Augen gleiten dem Boden entgegen, ohne zu sehen, wohin die Lichtstrahlen eigentlich entschweben. Abwesende Blicke merken nicht, wie sich das Laternenlicht an scharfen Kanten bricht. Helle Schimmer huschen über den von der Nacht bedeckten Boden, so flüchtig, als wollten sie betonen, dass nicht nur verdunkelnde Schatten hier unten wohnen. Der farbenbedeckte Schweif streift über den Asphaltboden hinweg, während selbst gedankenversunkene Blicke sein schillerndes Leuchten entdecken. In weit aufgerissenen Augen bricht ein Licht in verwaschenem Rot und Gold, bis es sich im tiefen Violett verliert, ohne dass es sich in den Weiten selbst verirrt. Es wandert einen kaum sichtbaren Saum des Gehwegs entlang, unbeschwert und schwebend unbefangen. Abwesende Blicke streifen über den Boden, als suchten sie nach dem Ort, an dem all die Farbenschimmer wohnen. Fast hätte ihr stummes Verweilen die Quelle des Farbenschimmers nicht entdeckt, denn ganz unscheinbar haben sich die Kanten eines gläsernen Objekts am Rand der Straße versteckt.
Es ist nicht nur ein leuchtendes Objekt, das sich am Rand der Straße versteckt, sondern ein leuchtendes Versprechen, dass wir auch im dunkelsten Moment die Sorgen brechen. Der Schimmerschweif strahlt in vielen Farben, selbst im Angesicht tiefster Dunstwolken kann er seinem Weg weiter folgen. Zaghaft gleiten Hände am Rand der scharfen Kanten entlang, ohne dass Farben verblassen oder gar diesen besonderen Ort verlassen. Ein Stich durchströmt ihre Hand leicht, während sie zugleich nicht zurückweicht. In lebendig ausschweifender Tiefe erkundet die Neugier das Licht des gläsernen, fast unsichtbaren Objekts, als hätten sie eine Kostbarkeit darin entdeckt. Inspiriert vom Glanz zerstreuender Wogen wandern zögernde Blicke durch die Glaskanten hindurch und enthüllen zerfließende Kanten, die wie ein Bild hoch oben am Himmel ranken. Wie verwehender Sternenstaub gleiten sie voneinander weg, als hätte sich in der Ferne etwas versteckt. Wo nur hat sich das Feste im zerrinnenden Sternenmeer versteckt? Die Welt wiegt in zerronnenem Sternenstaub, der einst so mächtig und erhaben erstrahlte, als wollte er sagen: „Nichts kann uns etwas anhaben.“
Dunst kann ewig schweben, denn das Leuchten sollte nie vergehen, wenngleich selbst die ewig glühenden Sterne im Angesicht der Vergänglichkeit ihrer Endlichkeit entgegentreten, ohne selbst hinzusehen. Oh Stern, wir können dich von hier unten nur ansehen, ohne dein reines Wesensbild zu verstehen. Im Farbennebel verglüht dein Sternenglanz, im zarten Kräftemessen eines ringenden Tanzes. Wo nur gehst du hin, wenn dein Farbenspiel nicht mehr zu uns nach unten will? Hat die Suche nach Unendlichkeit dich entzweit oder hältst du noch eine Wendung bereit? Deine Farben tanzen schwingend im Nichts, während die Linien weiter verschwimmen, um den warmen Farbwolken zu entrinnen. Wir sehen euch an und sind zugleich in uns gefangen, während eure hellen Lichtstrahlen unauslöschbar am Abendhimmel pranken. Doch wir wollen nicht klagen, vielmehr jeden Abend eurer Schönheit hinterhergehen. Fliegen können wir nicht, selbst wenn die reinste Verzauberung aus den Lippen spricht. Sag mir: Berührst du mich, wenn der Sternenglanz um mich weiter tanzt, oder vernebelt deine Staubwolke meinen Verstand? Der Blick durch das Prisma hält die Sinne gefangen, denn die Augen wollen nicht weiterwandern.
Text © Deep-feeling / www.deep-feeling.de
Alle Rechte vorbehalten !
Text: Louisa Gutsmann
Bild & Bildbearbeitung: Louisa Gutsmann
