
Hinter Glas
Geschrieben am 01.03.2026
Sie gestaltet wie gewohnt den frühsten Morgenmoment, während sie der Umgebung kaum echte Aufmerksamkeit schenkt. Ihre zierlichen Füße gehen über den angenehm gewärmten Holzboden, doch sie sieht mit ihren verharrenden Blicken kein einziges Mal nach oben. Mit glasigen Augen fixiert sie einen leeren Punkt im Raum und sieht dabei ihre eigene Stärke kaum. Ihr Gefühl kennt nur das Verweilen in der kalten Einsamkeit, während der Tag immer weiter verstreicht. Sie sucht nach ihrer verlorenen Leichtigkeit und folgt dabei den eigenen Schritten, die auf dem Boden der Erinnerungen verweilen. Ihre regungslosen Lippen schweigen, doch die Wunden können in der Stille nicht heilen. Plötzlich huscht etwas im Augenwinkel an ihr vorbei, so schnell, dass sie kaum den Atem anhalten kann. Es war eine flüchtige Spiegelung, die sofort wieder verschwand. Zitternde Hände begleiten ihren zur Seite geneigten Körper, während weit aufgerissene Augen zum anderen Ende des Raumes schweifen. Was sie dort sieht, kann sie nicht wirklich begreifen. Erst in diesem flüchtigen Moment bemerkt sie eine Glaswand, die sie von etwas abgeschottet hat. Ihr beschlagener Schleier trübt die Sicht und weckt Unsicherheit, die scheinbar hinter dem Glas verweilt.
Viele Tautropfen verwischen ein dahinter verborgenes Gesicht, sodass sie nicht weiß, wer hinter der Glasscheibe zu finden ist. Ein nebelfeiner Morgenhauch liegt auf dem Glas vor ihren leicht geöffneten Lippen, doch sie kann die Scheibe nur sanft mit dem Lippenwind antippen. „Vergiss mich nicht“, flüstert leise das davor versteckte Gesicht, doch gedankenversunken sieht ihr Spiegelbild das hellscheinende Selbstbild nicht. Sie schaut ins scheinbare Nichts, während ihr Blick weiterhin starr nach vorne gerichtet ist. Ihr stummes Abbild zieren leere Augen, die ins trostlose Nichts schauen und doch tief verborgen noch an den Hoffnungsschimmer glauben. Federleichte Locken verharren hinter ihren erschlafften Schultern, denn im windstillen Raum rühren sie sich kaum. Sie spiegeln die Stille in jenem verweilenden Moment, der keine Achtsamkeit mehr kennt. Tag für Tag hastet ihr unruhiger Geist durch die Welt, während der gläserne Schutzwall die Unbeschwertheit von ihr fernhält.
Im sanft rauschenden Schwebewind spürt das Leben, welche große Vielfalt in feinen Nuancen zu finden ist. Sie trägt die Haut wie zartes Glas, nachdem sie das Leben zu leben vergisst. Nebel entschwindet im flüchtigen Lippenzittern und umhüllt die Dunstwellen des zaghaften Spiegelschimmerns. Im zarten Glanz, während das letzte Licht im Spiegelbild flimmert, sieht sie ein kleines leuchtendes Glimmern. Es ist unscheinbar und zugleich sichtbar. Feine Tropfen formen Nebelschwaden auf spiegelndem Silbergrund, die selbst auf durchsichtigem Untergrund für die Augen sichtbar sind. Die letzten Atemtropfen zieren ihre wieder geschlossenen Lippen, während ihre Füße nervös hin und her wippen. Das Leuchten ist ihrem Gesicht greifbar nah und doch nicht wirklich für sie da. Das Schleierfeld hat längst den sanften Traumschein mit hauchfeinem Atemnebel bedeckt, doch dahinter hat sich ein sehr verletzlicher Teil ihrer Hoffnung versteckt. Als der Tau den Atem verliert, blickt sie ihr Spiegelbild hinter dem klareren Spiegelglas an. Sie spürt ein warmes Ziehen, als im Leuchten ihrer Augen die lange begleitete Furcht verschwand. Zaghaft nähern sich ihre Finger der kalten Scheibe an, während ihre Reflexe sie vor dem Erreichen erneut zum Stoppen zwang.
Glutnester funkeln in tausend verglühten Wünschen einer still gewordenen Zeit, während sie eingeschlossen hinter einer Glasscheibe verweilt. An der unsichtbaren Wand prallt selbst der stärkste Wind immer wieder ab, während die Sehnsucht noch immer Träume in sich trägt und doch in ihrer Unerreichbarkeit vergeht. Sie kann die Lebendigkeit vor ihren Augen sehen und doch zugleich nur regungslos hinter der Glasscheibe stehen. „Sieh mich an“, flüstert das vergessene Spiegelbild und wird sofort wieder still. Hauchdünne Lebensadern entschwinden dem hastenden Schall. Im laut werdenden Wunsch spürt sie den langen, schwingenden, sehnsuchtsvollen Nachhall. Keimende Gedankenfäden gleiten unaufhaltsam in ihrer freien Gedankenwelt, auch dann, wenn es ihr missfällt. Sie sind nicht in den Tiefen der Bedeutungslosigkeit gefangen, sondern versuchen, in schwebendem Wachstum bis zum anderen Ende der Glaswand zu gelangen. Gespannt sieht sie zu, wie schwerelose Gedankenfunken den leeren Raum erkunden. Schwebebahnen wiegen sich im dunkelblauen Schimmer eines naturgeformten Tropfenmeer, denn plötzlich verharren sie nicht mehr. Das Schweben fällt ihnen nicht schwer. Gedankenflüsse fließen in unbeschwerter Leichtigkeit, während die Zeit in der Bedeutungslosigkeit verweilt. In jedem feinen, dunkelblauen Faden liegt die Tiefe des reinen Wassers, einer freien Gefühlswelt. In der verweilenden Tiefe ihrer Gedanken können sehnsuchtsvolle Wünsche unaufhaltsam durch den Raum wandern. Der beschlagene Dunsthauch schlummernder Verbundenheit wartet auf ihr verborgenes Selbst, während die Glasscheibe noch an der Distanz festhält.
Versunken im Fadenmeer steht sie da, die Spiegelung ist so greifbar nah und doch bringt sie eine unbenannte Gefahr. Ihre Hand bewegt sich weiter durch den Raum, doch noch kann sie der zart führenden Berührung der Lebensfäden nicht vertrauen. Behutsam wandert ein dunkelblau leuchtender Faden zu ihrer ausgestreckten Hand, während ihr Lippenhauch im Ausatmen versank. Gedankenfäden modellieren unruhige Formen der Nachdenklichkeit, während ein Teil ihrer wärmenden Freude verschlossen im Glas verweilt. Sie verfangen sich so lange an der nassen Glaswand, bis spiegelnde Harmonie im Gewirr der Fäden gänzlich verschwand. Ein sich annähernder Faden verunsichert ihr unruhiges Gemüt, denn sie glaubt nicht, was sie da gerade vor sich sieht. Vor Spannung fixierte Regungen wollten das zaghafte Wachsen zuerst nicht glauben, denn es würde ihrer Verunsicherung den Boden zum Gedeihen rauben.
Hoffnungsvoll glühende Lebensfäden wandern dem nahen Spiegelabbild entgegen, denn sie können die Glasfläche im Schwung nicht komplett sehen. Schwerelose Gedanken fliegen frei durch den Raum, aber erreichen die andere Seite der Spiegelung kaum. Wachsende Gedankenfäden umschwirren ihre weiche Haut, bis der erste streichelnde Faden Körperkontakt aufbaut. In zart gleitenden Streichbewegungen schwingen sie langsam über ihrer Hand, bis fast die ganze Haut unter dunkelblau schimmernden Fäden verschwand. Liebevoll lenken sie den leicht zitternden Arm zur Glaswand hin, während sie nicht merkt, wie die Furcht im blauschimmernden Lichtschein immer weiter verging.
Behutsam gleiten ihre Finger fast wie von allein, denn sie möchte nicht mehr länger einsam sein. Distanz verschmilzt mit der eiskalten Glaswand, als ihre Hand die erste Berührung als überraschend wohltuend empfand. Plötzlich schlägt ein glühender Faden mit starker Wucht auf der Glasscheibe ein. Verwundert sieht sie einen weiteren hellen, dagegen prallenden Lichtschein. Morgenstaub funkelt im hereinscheinenden Tageslicht, das auf einen langen Riss in der Glasscheibe trifft. Farbenschimmer malen Muster in hellem Glanz und schimmern dabei fast wie ein lebendiger Farbentanz. Sie erschaffen eine wärmende Farbensymphonie. Die Fülle der umschmeichelnden Zuversicht spürte sie zuvor nie. Mit strahlender Leuchtkraft durchdringen immer weitere Farben die harte Wand, dabei erwärmt sich ihre darauf ruhende, noch immer kalte Hand. In den Raum gleitende Glanzschatten wirken in lichtdurchwebten Nuancen wie ein Hoffnungstanz im Schimmerglanz. Lichtwellen brechen an scharfen Risskanten und zerschellen ungebremst in ihren unruhig schwingenden Gedanken. Noch ist etwas Kostbares hinter der Scheibe gefangen, doch der Bruch hat mit dem Weiterwandern bereits unaufhaltsam angefangen.
Das kalte Glas erwärmt sich stark, denn sie trägt die Energie ihrer Gedanken bis durch die scharfen Glaskanten. Sie spürt, wie die Wärme immer mehr die durchdringende Kälte ihrer Finger berührt, während ihre Hände sie streichend über die erwärmende Scheibe führt. Genussvoll schließt sie ihre Augen, denn sie möchte wieder an ihre eigene Willenskraft glauben. Losgelöste Unbeschwertheit fließt von den Tautropfen bis in ihre Gedanken, dabei ist sie nicht mehr in der Kälte gefangen. Ein Lächeln huscht über ihre lange verharrenden Lippen, indem sie genussvoll in der erwärmenden Freude wippen.
Vergessene Bilder verschwimmen mit den schließenden Augenlidern, denn sie hat den Blick auf sich schon zu lange gemieden. Die Kälte vergeht mit der wärmenden Anschmiegsamkeit, auch wenn ihre Blicke nicht länger auf dem hellen Schimmer verweilt. Sie suchte die Verbundenheit zu ihren versunkenen Wünschen. Im Farbenglanz ist die Furcht hoffnungsvoll ertrunken. Sie spürt, wie die warme Glasfläche plötzlich nachgibt und in vielen Einzelteilen zerfließt. Sie konnte das Brechen der Gasscheibe nicht sehen, sondern bewusst miterleben.
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