
Kaltes Wasser
Geschrieben am 09.11.2025
Vorwort:
Der Text beschreibt eine emotionale Entwicklung nach einem schmerzhaften Verlust. Das kann der Tod eines geliebten Menschen sein oder eine andere Art unwiderruflicher Veränderung. Die Reise vom Erstarren bis zum vorsichtigen Erwachen ist nicht geradlinig, sondern von innerer Zerrissenheit geprägt. Es ist ein Prozess der Heilung, der Zeit benötigt und nicht linear verläuft. Zeitweise ist es schwierig, wieder Kraft zu finden. Diese Worte beschreiben einen Prozess, der nicht auf eine einzelne Person bezogen werden kann.
Text Kaltes Wasser:
In plagenden Fragmenten vergangener Erinnerung sagt sie ständig seinen Namen. Die Tränen der Trauer können nicht einen einzelnen Buchstaben davon tragen. Wehmut pflastert den trostlosen Weg, auf dem ein zitterndes Bein gerade noch steht. Mit schmerzerfülltem Blick und traurigen Gedanken kann ein erschöpfter Körper nur geradeaus wanken. Die Umarmung des kalten Todes hinterlässt ein leeres Herz, es zerfällt in der Stärke des unerträglichen Schmerzes. Taubheit ist in stummer Traurigkeit gehüllt und wurde mit Einsamkeit gefüllt. Auch stumme Zeit hält nicht an. Sie schwingt, auch wenn sie die Welt um sich herum gerade nicht wahrnimmt. Kraftlose Finger halten einen Gegenstand in der Hand, der bebend stark hin und her schwankt. Für geliebte Menschen versucht sie, stark zu sein, doch niemand glaubt den trügerischen Schein. Ihre glasigen Augen halten wenige Sekunden eine Flut an Tränen zurück. Im Tod zerbrach ein innig gelebtes Glück. Leben, wieso nimmst du ihr die Luft? In jeder Sekunde spürt sie einen unerträglich schmerzhaften Verlust.
Ihre kraftlosen Arme fallen ins kalte, kaum fließende Wasser, denn die Stille des ruhenden Sees wirkt wie eine nicht ausgesprochene Metapher. Verstummte Wassertropfen umspülen ihre frierenden Füße, doch sie denkt nur daran, wo sie jetzt eigentlich sein müsste. Verflossene Tränen füllen den großen See mit zahlreichen Tropfen, dennoch kann ein Teil von ihrem Herzen weiter hoffen. Fest hält sie ihren Kopf in der vom Wasser bedeckten Hand, als ob er sich nicht mehr selbst stützen kann. Samtweich kitzeln einzelne Haare ihre aufgequollene Haut, obwohl sie eigentlich die Wärme von vertrauten Schultern braucht. Der Augenblick wirkt flüchtig, fast ungreifbar kurz und schenkt dennoch eine Fülle an Empfindungen im Überfluss. Er ist nicht beständig, sondern wirkt in der Zeit unaufhaltsam vergänglich.
Flüchtigkeit kann im vergehenden Moment alles offenbaren. Der vergangene Augenblick wird nie von der dauerhaften Beständigkeit erfahren. Ihre Gefühle sind im Griff der Traurigkeit gefangen, während ihre Bewegungen regungslos an derselben Stelle verharren. Die Freiheit des Unkontrollierbaren ist ein von stiller Einsamkeit kaum beachtetes Geschenk, dessen Tiefe nur ein lebendig gelebtes Leben wirklich erkennt. Sie öffnet ihre Augen leicht, bis eine weitere Träne unkontrollierbar über ihre geöffneten Augen streicht. Im Angesicht tränengefüllter Blicke übersieht sie den schönen, bereits vergehenden Tag, weil ihre Aufmerksamkeit unaufhaltsam nach dem umhüllenden, grauen Schleier fragt. Der hoffnungsvolle Tanz in ihren Gedanken schien gerade noch so greifbar nah, und dennoch ist niemand außer ihrer eigenen Einsamkeit da. Selbst das Wasser steht noch still, da ihr von Wassertropfen langsam gefrierender Körper sich einfach nicht erwärmen will. Ruhende Erkenntnisse sprechen in regungslosen Bewegungen schmerzhaft laut, da der Gedanke an vergangene Momente ihr noch die Fröhlichkeit raubt. Kein Ton erklingt, während ihr Herz im Angesicht der plagenden Erinnerungen in tausend Teile zerspringt.
Etwas Verborgenes flüstert leise: „Ich halte dich, auch wenn dein Körper nur Tränen der Traurigkeit spürt. Meine Kraft ist da bis dein Herz wieder Hoffnung berührt.” Zaghaft versucht ein leises Wispern, ihren Atem stillschweigend zu umschmeicheln. Dennoch kann sie die zahme Stimme bislang nicht als kraftvoll begreifen. Zuversicht umspielt ihre tiefe Traurigkeit streichelnd, während ihre Gefühle noch immer in Starre vereist sind. Ständig erinnert sie sich daran, wie ihr innerer Klang in der Endgültigkeit seines Schweigens verschwand. Ein sanfter Lichtschein blinzelt zaghaft in ein verdunkeltes Herz, es besänftigt ihren inneren Schmerz. Der Morgenglanz legt zarte Wärme auf wunde Narben. Im verwehenden Atemzug der Zeit kann Kälte durch wärmende Lichtstrahlen aufatmen. Erwachendes Tageslicht taucht stumme Last in weiche Sanftmut. Trotz aufkeimender Wehmut ist bis jetzt nicht alles wieder gut. Ihr von kaltem Nass umhüllter Körper spürt den Wunsch des kalten Zitterns zu entkommen, doch der tiefsitzende Kummer hat es nicht vernommen. Im hell funkelnden Schein konnte ein inneres Leuchten verborgen wieder lebendig sein.
Ein Ruf nach Unbeschwertheit konnte ihre Blicke für die kleinen Momente neu beleben. Es scheint, ihr vereister Körper kann sich endlich wieder erheben. Ein winziger Funke Zuversicht tropfte auf einen Hauch von Jetzt, während sie erneut die Kraft verlässt. Ganz zaghaft bewegen ihre Hände sich durch das umliegende Nass, dabei findet sie plötzlich versteckte Kraft. Mit jeder Bewegung hört der innere Klang ihren Herzschlag sanft klopfen, denn der Klang des Erwachens scheint greifbar verlockend. Fast schwerelos können ihre Arme durch das Wasser gleiten, nichts lässt sie zum erneuten Verstummen in der Kälte verleiten. Unsicher versucht sie, einem neu gewonnenen Lebenshauch zu vertrauen, obwohl ein Bruchstück ihrer inneren Klangwelt noch auf die Wirkung des Schmerzes baut. Überraschte Blicke werden von einem sanften Lächeln begleitet, als die Hand bis kurz vor die Oberfläche gleitet. Klar ruht das stumme Wasser. Selbst der größte Schmerz wirkt in Momenten von stiller Glut viel taffer. Die langsam schwingende Hand gleicht im glänzenden Licht einem losgelösten, bewusst gelebten Verzicht. Atemlose Begeisterung löst Hoffnungslosigkeit auf, während sie einen weiteren Antrieb aufzustehen braucht.
Der Blick erwacht, indem das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche bricht. Es scheint ein besonderes Morgenlicht, das im einzigartig spiegelnden Glitzermeer neue Zuversicht verspricht. Gefesselt von der Schönheit berühren ihre Fingerspitzen zögerlich den glänzenden Wasserspiegel, der ihre Fingerkuppen wie eine Silberhaut aus schimmernden Lichtern umschließt. Die Grenze zwischen Raum und Tiefe verschwimmt, indem sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder starke Freude vernimmt. Stimmen der Stille führen sie in die Arme der Erinnerungen zurück, dabei verliert sie sich im vergangenen Glück. Unerwartet wurden wärmende Funken von der Trauer umschlungen, der einst vorhandene Schimmer ist im kühlen Nass verschwunden. Wenn ein grauer Schleier die einst schöne Aussicht trübt, erscheint die Blüte der Hoffnungsschimmer im fehlenden Sonnenlicht verblüht. Freude und trübe Gedanken wechseln sich in ihrer Wiederkehr ab, als habe das Glück in der Beständigkeit keinen Platz. Ihr Herz, das ihn noch immer liebt, wirkt im Angesicht des Todes tief getrübt. Die kostbaren Erinnerungen sollen nicht verblassen, doch im Schmerz kann sie die Bilder nicht unbeschwert zulassen. Sie spürt neue Zuversicht, doch fällt im Gedanken an den großen Verlust innerlich. Irgendwann steht ihre Freude erneut aus dem kalten See auf, während sie noch immer nicht an ihre Beständigkeit glaubt. In ihrem Mut liegt das „Ja“ zu ihrem tiefen Gefühl, auch wenn ihr die Wahrhaftigkeit im Schmerz der flüsternden Vergangenheit nicht immer gefiel.
Sie möchte nichts meiden und auch nicht im Angesicht von Kummer vor dem Leben zurückweichen. Aus Schmerz erwächst jene Stärke, die auch im Angesicht großer Verluste nicht zerbricht, weil sie widerstandsfähig ist. Es braucht Zeit, bis sie wirklich versteht, dass jede Beständigkeit mit der Zeit vergeht. Diese Wahrheit ist beängstigend und ermutigend zugleich. Denn es bedeutet, dass jeder Moment irgendwann verstreicht. In ausschweifenden Gedanken kehren lebendige Träume zurück, denn sie sehnt sich nach neuem Lebensglück. Gefangen in ihrem Wunsch nimmt sie kraftvoll all ihren Mut zusammen, denn Verlorenes ist bereits vergangen. Der zusammengesunkene Körper erhebt sich leicht, während ein letzter trüber Gedanke sanft über ihre noch nasse Haut streicht. Verkrampft streckt sich ihr Oberkörper immer weiter. Bei jeder kleinen Bewegung wird ihr empfundenes Gewicht immer leichter.
